Der hl. Erzengel Michael

Fest am 29. September

Der hl. Erzengel Michael d.i. "Wer ist wie Gott?" ist nach der Lehre der heiligen Schrift und der Überlieferung einer der sieben Geister, welche zunächst am Throne Gottes stehen; er ist somit ein besonders hervorragender Diener und Bote des Allerhöchsten, dem Gott zum Heile seiner Auserwählten wunderbare Kräfte und wichtige Ämter verliehen hat.

Bei dem Propheten Daniel wird der hl. Michael einer der vornehmsten (himmlischen) Fürsten und ins besondere "der Fürst der Juden genannt und damit geoffenbart, dass er der Schutzengel des auserwählten, von Gott wunderbar geliebten und beschützten, mit seinen Offenbarungen und Verheißungen begnadigten Volkes ist. Deshalb heißt er auch "der große Fürst, der für die Söhne seines Volkes einsteht und sich erhebt zu seiner Rettung". Da nun an die Stelle der alten Synagoge die katholische, apostolische Kirche getreten ist, da wir durch den Empfang der heilig machenden Gnade und durch den Glauben an Jesus, den von den Juden verworfenen und gekreuzigten Erlöser in die Rechte und in das Erbe des alttestamentlichen Volkes Israel eingetreten sind, so wird der hl. Michael stets verehrt als der Schutzengel der hl. Kirche, des regierenden Papstes und aller Seelenhirten, der auf Gottes Befehl den Antichristen einst töten wird. Dieser Glaube ist in tiefsinnigerweise ausgedrückt im heiligen Meßopfer: Priester und Volk bekennen an den Stufen des Altares reumütig ihre Sünden, "vor Gott dem allmächtigen, vor Maria der seligen Jungfrau, vor dem hl. Michael," und rufen demütig Maria, den hl. Michael…um ihre Fürbitte bei Gott dem Herrn an; und der Priester segnet beim Offertorium den Weihrauch mit den Worten: "Durch die Vermittelung des Hl. Erzengels Michael, welcher zur Rechten des Rauchaltars steht, und aller seiner Auserwählten möge der Herr diesen Weihrauch segnen und als lieblichen Wohlgeruch aufnehmen."

In der Offenbarung des hl. Johannes (12.) wird der hl. Michael uns vorgestellt als der mächtige Himmelsfürst und glorreiche Streiter für die Sache Gottes. Es ist ein großer Kampf im Himmel entstanden, groß in Ansehung der Kämpfenden, ihrer Zahl und ihrer Macht, groß auch in Ansehung des wichtigen Gegenstandes, weil Luzifer und sein Anhang, der Vater der Lüge und der Menschenmörder von Anbeginn, der Teufel nicht bestanden ist in der Wahrheit. Auf der einen Seite kämpften Michael und seine Engel, er war ihr Fahnenträger und Oberfeldherr; auf der anderen Seite stand der Drache mit seinen Engeln. " Und es ward hinab geworfen jener große Drache, die alte Schlange - der Teufel und Satan genannt, - welcher die ganze Welt verführt: er ward hinab geworfen auf die Erde und seine wurden mit ihm hinab geworfen." Dieser Kampf zwischen den Guten und Bösen, zwischen den Bekennern der Wahrheit und den Kindern der Lüge dauert seitdem fort, und die Christenheit verehrt im hl. Michael und seinen Engeln ihre Fürbitter und Verteidiger. Daher haben das erst 1806 schmachvoll aufgelöste heilige römische Reich und der alte Ritterstand, als die irdischen Beschützer und Verteidiger des Reiches Gottes und der heiligen Kirche wider ihre Feinde den hl. Michael als ihren Schutzpatron erkoren und verehrt.

Der hl. Apostel Judas Thaddäus erwähnt in seinem Brief einen Streit, den der Erzengel Michael mit dem Teufel über dem Leichnam des Moses stritt. Die Ausleger geben als Grund dieses Streites an, der Teufel wollte sich der Leiche des Moses, den Gott im Lande Moab begrub, auf dass Niemand sein Grab wissen möchte, bemächtigen unter dem Vorwande, er habe wegen der Ermordung des Ägypters ein Recht auf ihn, und in der Absicht, denselben den Israeliten zu zeigen und sie zur abgöttischen Verehrung desselben zu verführen. Der hl. Michael aber stellte sich zur Gegenwehr, weil er diese Leiche als die eines Gerechten für Gott in Anspruch nahm und deshalb sie vor dem teuflischen Missbrauche schützte. Darauf stützt sich der christliche Glaube, dass der hl. Michael den Sterbenden im letzten Todeskampfe tätig beistehe und die abgeschiedenen Gerechten in seinen besonderen Schutz nehme. In diesem Sinne betet die Kirche in ihrem Officium: "Dem Erzengel Michael, dem Führer der englischen Heerscharen, hat Gott die Seelen der Heiligen übergeben, dass er sie einführe in das Paradies der Freude; denn er ist der Fürst der Paradieses und aller in dasselbe aufzunehmenden Seelen." Es ist daher in der Christenheit ein sehr löblicher und heilsamer Brauch, den hl. Michael um eine glückliche Sterbestunde anzurufen; und in den Gebeten der hl. Messe legt die katholische Kirche die Seelen der Abgestorbenen in seine Hände, dass er sie in das Reich des Lichtes begleite und ihre Begräbnisstätten auf Erden bewache. Schon der apostolische Vater Hermas lehrt, dass der hl. Michael auf dem Sterbebett diejenigen heimsuche, welche im Leben die Gebote des Herrn beobachtet haben, und dass er ihnen nach dem Tode ihre Sitze anweise. Hieran schließt sich die schon dem Basilius und anderen Heiligen Vätern bekannte Vorstellung, dass der hl. Michael die Seelen der gestorbenen wäge, und die christliche Kunst drückt diesen Gedanken so aus, dass der Teufel dieses Wägen mit boshafter Gier beobachtet und sich bemüht, es zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Die Tradition berichtet, dass schon in der frühesten Zeit die Christen dem hl. Erzengel Michael Kirchen, Kapellen und Altäre geweiht haben, von denen einige durch ihr Alter und durch die in denselben geschehen Wunder und wunderbaren Erscheinungen in der ganzen katholischen Kirche berühmt sind.

So erzählt Metaphrastes, dass der hl. Michael schon zur Zeit der Apostel zu Chonis in Phrygien (das antike Kolossai, nicht weit von Hierapolis, heute Pamukkale) erschien und einer dortigen Quelle einer Heilkraft mitteilte, die sehr vielen Kranken schnell und sichere Hilfe brachte und so viele Wunder wirkte, dass die Stadt Laodicea und die ganze Umgebung den christlichen Glauben annahm. Die freudige Dankbarkeit baute daselbst zu seiner Ehre eine prachtvolle Kirche, welche Jahrhunderte lang für das ganze Morgenland ein sehr besuchter und durch unzählige Wunder leuchtender Wallfahrtsort war.

Als Kaiser Konstantin der Große seine neue Residenzstadt am Bosporus gründete, erbaute er auch in der Nähe derselben die sehr berühmte Stankt Michaelskirche, von welcher der alte Geschichtsschreiber Gozomenos erzählt: "Diese Kirche trägt den Namen Michaelion, weil man allgemein glaubt, der große Erzengel erscheine in derselben. Dass an diesem Orte große Wunder geschehen, davon bin ich selbst Zeuge, weil mir in einer besonderen Bedrängnis und Not eine unvergängliche Wohltat zuteil wurde. Auch viele Andere haben da Wohltaten empfangen; denn wer sich in Unglück und Gefahr befindet, oder wer von schwerer Krankheit geplagt wird und dort betet, erhält Befreiung von seinem Nebel." Dann erzählt er die wunderbaren Heilungen des Advocaten Aquilin und des Arztes Probian, zweier ausgezeichneten Männer.

Zur Zeit des hl. Papstes Gelasius um 493 erschien der hl. Erzengel auf dem Berge Gargano im Neapolitanischen. Ihm zuehren wurde ein prächtiges Gotteshaus errichtet, zudem das ganze Abendland wallfahrtete. Zahlreiche gnadenvolle Gebetserhörungen fanden daselbst statt.

Zu Rom wütete furchtbar die Pest um 590. Der hl. Papst Gregor der Große suchte Hilfe im Gebet und ordnete die "siebenfache Litanei" an: die Gläubigen zogen in sieben Processionen oder Chöre geteilt, betend und singend aus sieben verschiedenen Kirchen aus, um in der Kirche "Maria der Größeren" zusammen zu kommen. Während dieser Andacht sahen die Betenden über dem Grabmal des Kaisers Hadrian einen Engel schweben, der sein Schwert in die Scheide steckte. Von dieser Stunde an hörte die Pest auf. Man hielt diesen Engel für den hl. Michael, nannte das hadrianische Denkmal von da an die "Engelsburg" und weihte die auf derselben befindliche Kirche zu Ehren des hl. Erzengels Michael. Um ihn als Anführer der himmlischen Heerscharen zu ehren, waren in Rom am heutigen Tage auch militärische Feierlichkeiten herkömmlich, z.B. der Papst weihte Waffen, Fahnen, ließ Revüen halten usw.

Nicht minder berühmt war seit dem zehnten Jahrhundert eine Erscheinung des hl. Michael in der die Diöcese Avranches in Frankreich. Der heilige Erzengel befahl, auf einer Felsenspitze (Michaelsberg in der Normandie) eine Kirche zu bauen und dieselbe unter seinen Schutz zu stellen. So geschah es, und diese Kirche, von Benedictinern lange Jahrhunderte besorgt, war stets eine von unzähligen Pilgerzügen verehrte und mit besonderen Gnaden gesegnete Wallfahrtstätte.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass die Katholiken ihrem ehrfurchtsvollen Vertrauen auf die Macht dieses heiligen Himmelsfürsten in neuester Zeit einen schönen Ausdruck gegeben haben durch die Stiftung der St. Michaelsbruderschaft, deren zahlreiche Mitglieder sich zum Gebete für den schwer bedrängten und zu Almosen für den seines Landes beraubten Papst verpflichten.

Sehr beachtenswert ist, dass das Fest des hl. Erzengels Michael, welches man schon in den frühesten Zeiten und in vielen katholischen Ländern feierte, vom achten Jahrhundert an vielfach als gebotener Feiertag begangen wurde und in den Kirchenbüchern "die Kirchweihe des Erzengels Michael" genannt wird. Da es aber völlig ungewiss ist, welche Kirche gemeint sei, so ist die Auslegung ganz annehmbar, es sei damit die ganze katholische Kirche als "die Gemeinschaft der Heiligen" gemeint. Denn der hl. Michael hat dadurch, dass er die gefallenen Engel aus dem Himmel stürzte, denselben gleichsam zum friedlichen Wohnorte der guten Geister geweiht und dadurch, dass er auf Erden den Teufel und seinen Anhang von der katholischen Kirche Abwehr, die selbe zum sicheren Wohnort der Gläubigen geweiht. Deshalb sagt die Volksprache: "Am Michaelitag ist Kirchweih im Himmel und auf Erden."